Henk Arendse

 

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Es war eine Zeit politischer und wirtschaftlicher Krisen. Meine Eltern wussten nicht, dass irgendwo, tief in Deutschland, am 22. März 1933 das Konzentrationslager Dachau eröffnet wurde.

Sie heirateten am 26. September 1934. Meine Eltern betrieben eine eigene Leimfabrik, "Perfecta", die später in „Bison Kit“ umbenannt wurde. Finanziell lief es nicht gut.

Mein Vater fuhr mit dem Fahrrad von Den Haag zu den Schuhfabriken in die Provinz Brabant und erklärte den dortigen Verantwortlichen, wie einfach es sei, Schuhsohlen zu verkleben anstatt sie zu nageln oder zu vernähen. Meine Mutter führte die Buchhaltung und fungierte als Sekretärin. Sie hätten das Unternehmen an einen italienischen Fabrikanten verkaufen können, aber mit einem faschistischen Land wollten sie keine Geschäfte machen. (Ironischerweise wurde die Fabrik vor einigen Jahren nach Italien verkauft) Daher verkauften sie die Firma an einen Unternehmer in Goes, der zwar keine chemischen Kenntnisse hatte, dafür aber das nötige Geld besaß.

Mein Vater ging dann anderweitig als Angestellter arbeiten. Am 21. Dezember 1940 kam die gemeinsame Tochter Kitty auf die Welt. Anfang 1941 dann wurde mein Vater von einer Widerstandsgruppe angesprochen, der bereits sein Bruder angehörte. Meine Eltern nahmen die Vervielfältigungsmaschine aus der Firma mit und die Treffen der Gruppe fanden nun bei ihnen zu Hause statt. Sie verteilen die angefertigten Broschüren und mein Vater ließ diese, wann immer er auf Reisen war, in Zügen und Bahnhöfen liegen. Am 9. September 1941 wurde er um 17.30 Uhr nachmittags zu Hause verhaftet.

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Man sagte meiner Mutter: „Meine Dame, er wird bald wieder nach Hause kommen". So  hatten meine Eltern keine weitere Zeit mehr sich voneinander zu verabschieden. „Bald nach Hause“ bedeutete drei Jahre und neun Monate. Er wurde in das Gefängnis von Scheveningen gebracht, dem so genannten "Oranje Hotel", blieb dort bis März 1942 und wurde dann in das Lager Amersfoort verlegt.

Dort zog er sich eine Lungenentzündung zu und wurde einige Wochen später, krank wie er war, nach Buchenwald deportiert.

In Buchenwald bekam er die Haftkategorie „NN“, was bedeutete, dass "du für die Außenwelt nicht mehr existierst". Die Arbeit dort war schwer und nach einem halben Jahr wurde er, immer noch krank, nach Sachsenhausen bei Oranienburg transportiert, von dort nach ein paar Tagen zum Außenkommando Klinker.

Dies war die "Werkstatt" des berüchtigten Architekten Speer. Monatelang musste er dort, bis zu den Knien in lehmigem Wasser stehend, arbeiten.

Er wurde schwer krank nach drei Monaten zurück nach Sachsenhausen in den Todesblock gebracht. Hier sieht er sich einem Massensterben gegenüber, der Demontage des Menschen.

Er weigerte sich, aus Angst vor den dort herrschenden Infektionen, zu essen. Wie durch ein Wunder gelang es ihm einen Wächter zu bestechen und er landete daraufhin in Block 17. Dort bekam er Hilfe von einem belgischen Mitgefangenen.

Schließlich kam er nach Natzweiler. Hungerödeme führten zu Löchern im Körper, mit wunden Füßen, offen bis auf die Knochen, schob er jeden Tag die Förderwagen den Berg hinauf und hinunter.

Als die Alliierten vorrückten, wurden die Häftlinge Anfang September nach Dachau deportiert. Mein Vater kam in das Dachauer Außenlager Allach und musste dort im BMW Werk arbeiten.

 

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Anfang Januar waren alle NN-er im Stammlager Dachau versammelt. Er kam in Block 29. Flecktyphus brach aus und er fiel für zwei Wochen ins Koma.

Dann, endlich, die Befreiung durch US Truppen am 29. April 1945 um 17:20 Uhr.

Es dauerte noch einige Zeit bis er nach Hause kam. In der Nacht vom 1. auf den 2. Juni 1945 war es soweit.

Die ganze Familie wartete im Haus meiner Mutter auf ihn. Ein Lastwagen brachte ihn von Eindhoven aus zu ihr. Stark abgemagert, aber glücklich kam er an.

Jedes Mal, wenn in den folgenden Tagen jemand zu Besuch kam, bot er sehr galant seinen Stuhl an und sagte: „Ach was, ich kann stehen“.

Sie gaben ihm Geld, damit er etwas für sich selbst kaufen konnte, aber stattdessen schenkte er meiner Mutter ein neues Kleid. Sie hatte all die Jahre auf ihn gewartet, war ihm treu geblieben und kümmerte sich die langen Jahre über gut um ihre gemeinsame Tochter Kitty.

Mit dem Wert von Geld wusste er nichts mehr anzufangen. Nach einer Woche nahm er die Dinge wieder in die Hand. Es gab so viel zu tun.

Am 3. Juli 1946 wurde Sonja, ihre zweite Tochter, geboren.

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Ursprünglich beschloss mein Vater nach Australien auszuwandern, ein Land ohne Kriegsvergangenheit, aber kurz vor der Abreise sagte meine Mutter „Nein“ zu den Plänen und so blieben sie in den Niederlanden. Sie beschlossen dann, von Den Haag nach Laren umzuziehen.

In meiner Jugend sah ich viele Lagerfreunde meines Vaters, die mit ihren jungen Frauen und  Kindern zu Besuch zu uns kamen. 

 

Die Natzweiler Freunde waren eine enge Gruppe und wir waren die ersten Kinder, die zu den Treffen dieser Gruppe mitgenommen wurden. Die Schulferien begannen und endeten häufig mit diesen Treffen. Vater war ein geselliger Mensch, nicht hasserfüllt, aber besorgt und schnell aufbrausend, was oft schwierig für seine Familie war.

 

Im Frühling und Herbst hatte er immer wieder Angstträume und wurde daraufhin sehr depressiv. Am 26. April 1994 starb mein Vater nach langer Krankheit im Alter von 84 Jahren. Am 29. April 1994, um 17.20 Uhr, dem Tag und der Stunde der Befreiung von Dachau, wurde er eingeäschert und in Blaricum bestattet.

Ich habe gute Erinnerungen an meinen Vater. Er war ein fürsorglicher, liebender Vater, der sein Herz am rechten Fleck für seine Mitmenschen hatte.

Er lehrte mich, den Deutschen gegenüber nicht hasserfüllt zu sein, "es gab auch solche, die keine andere Wahl hatten“.

Als mein Vater starb, war er knapp 60 Jahre mit meiner Mutter verheiratet. Sie überlebte ihn noch um mehr als zwanzig Jahre und starb am 10. Dezember 2014 kurz vor ihrem einhundertersten Geburtstag.

Sonja Holtz-Arendse