Pieter 8486Liebe Überlebende, liebe Freunde,
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Georg Einsenreich,
Sehr geehrter Herr Direktor Freller,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Florian Hartmann,
Sehr geehrte Frau Dr. Hammermann und Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte,
Sehr geehrte Damen und Herren der diplomatischen Vertretungen, der Kommunen, der Religionsgemeinschaften, der Parteien und Organisationen,
Sehr geehrte Damen und Herren,

Aus der ganzen Welt gekommen, gedenken wir der politischen Verschleppten, die Widerstand gegen den NS-Regime geleistet haben und derjenigen, die wegen ihres ethnischen, religiösen Ursprungs verhaftet wurden, derjenigen, die verstorben sind, derjenigen, die hier und in den Kommandos und Außenlagern gelitten haben, derjenigen, die nach der Befreiung mit Narben, Traumata ihrer Leiden zurückgekehrt sind.

Die verschleppten Widerstandskämpfer kamen aus Albanien, Belarus, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, England, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, den Niederlanden, aus Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Rußland, Schweden, aus der Schweiz, aus Serbien, aus der Slowakei, aus Slowenien, aus der Sowjetunion, aus Spanien, aus der Tschechischen Republik, der Türkei, der Ukraine, aus Ungarn, aus den Vereinigten Staaten, ohne zu vergessen die beiden armenischen Häftlinge, der chinesische, der irakische, der iranische, der kanadische Häftling, die jüdischen Häftlinge sowie die Sinti und Roma.

Ich nenne sie in alphabetischer Reihenfolge denn jedes Land, jede Gruppe erfordert unsere höchste Achtung, ohne ein Land, eine Gruppe in einer anderen Hierarchie zu geben.
Die Deportierten aus der ganzen Welt in Dachau haben aus dieser Stätte einen internationalen Ort gemacht, dessen Bedeutung über die deutsche nationale Politik hochragt.

Dachau, der erste staatliche Konzentrationslager, die Schule der Gewalt, das Symbol des Widerstandes, mit dem roten Winkel durch die Nationalsozialisten gekennzeichnet, ein Symbol, welches alle andere Symbole des Widerstandes gegen die Nazis vereinigt.
Dieses Symbol ist jetzt als Zeichen des Sieges im Kampf gegen die NS-Barbarei mit Stolz getragen.

Dachau wurde durch die Amerikaner befreit, man sollte aber nicht die Millionen Toten und das Leiden der Oststaaten vergessen.
Man soll nicht vergessen, daß ohne das Engagement, ohne die Unterstützung der Oststaaten der Krieg gegen den Nationalsozialismus nicht gewonnen werden könnte.
Man kann über das Leiden von der Sowjetunion, von Polen, der Tschechoslowakei, von Ungarn und den andern Ländern nicht Stillschweigen gewahren. Leiden, welches wegen der Zäsur der Geschichte infolge der Stalinzeit so oft vergessen wurde, während derer diejenigen die aus der NS-Lagern zurückkehrten, wieder verfolgt, verhaftet, getötet, in Lagern des stalinistischen Regimes verschleppt wurden, als die Welt seit 1945 und der Konferenz von Jalta wegen dem kalten Krieg zwischen Kapitalismus und Kommunismus geteilt war.

Diese Tatsachen rechtfertigen dennoch nicht, daß man die NS-Verbrechen mit den unter dem stalinistischen Regime verübten Verbrechen auf dergleichen Ebene setzt.
Dies würde der Geschichte für die Verbrechen, die durch die Nationalsozialisten verübt wurden, einen Vorwand geben. Das wäre nur ein Mißgeschick, eine Episode der Geschichte – eine Erklärung, die von heutigen Politikern vielleicht aus wahltaktischen Gründen gewünscht ist, um sich vor der Welt zu rechtfertigen und zu entschuldigen.

In diesem Zusammenhang muß man verlangen, daß die KZ-Gedenkstätte Dachau wie die anderen Gedenkstätten in Deutschland, Österreich, Polen, in den Niederlanden, in Belgien, Frankreich und in den anderen Ländern als internationale Gedenkstätten anerkannt werden; auf den Schutz und die historische Integrität der Überreste dieser Gedenkstätten achten; für die Erhaltung und die Verwaltung dieser Orte handeln, um die Bedeutung dieser Lager in ihrer Spezifizität zu bewahren und sie unter europäischen und internationalen Schutz zu stellen.

Mit Scharfsinnigkeit und Einsicht bestätigte der Gesetzgeber des Bayerischen Freistaats im Gesetz über die Errichtung der Stiftung Bayerische Gedenkstätten dem Comité International de Dachau ein historischer Einsichts- und Mitwirkungsrecht bei allen wesentlichen Angelegenheiten eingeräumt, die die Gedenkstätte betreffen. Die Mitglieder der CID sorgen für die Achtung seiner Rechte, die politischen Fragen nicht unterliegen müssen.

Die Internationalität soll nicht in den Hintergrund gedrängt werden, diese Orte sollen von den Absichten der nationalen Politiken unabhängig sein, ganz gleich welche Orientierung sie immer haben, und den Launen der Wahldruck nicht unterzogen werden. Die Politiker und Abgeordneten wechseln nach den Wahlen. Die Gedenkstätten sollen außerhalb der Politik bleiben, diese Stätten sind keine Orte für Konflikt und Druck.

Hören wir Jean Lassus zu. Er war ein Widerstandskampfer und politischer Häftling, der am 5. Juni 1944 in Clermont-Ferrand von der Gestapo verhaftet, durch den Todeszug vom 2. Juli 1944 aus Compiègne in Frankreich nach Dachau verschleppt wurde und der in Nr. 21 der „Dachauer Hefte" über die „Häftlingsgesellschaft" zitiert wird und von Doktor honoris causa Barbara Distel und Professor Dr. Wolfgang Benz veröffentlicht wurde:

„(...) Schließlich hielt der Zug doch an. (...)
Alle Sachen wurden aus den Waggons geräumt und in den Regen geworfen. Wir verstanden es zunächst nicht. Dann kapierten wir es. Die Deutschen wollten uns nicht mit den anderen zusammen lassen. Verstehen Sie, - sie wollten das unterteilen, die Toten auf die eine Seite, die Lebenden auf die andere. Da wir mit unseren 65 Toten mehr als nebenan hatten, mußten wir die aus dem Nachbarwagon zu uns herüberbringen.
Wir waren acht. Zwei brachten die guten Kerle hinaus, vier trugen sie von einem Waggon zum anderen. Und zwei hoben sie auf die andere Seite. Ich war einer von diesen beiden. 35 Tote zog ich an den Armen oder Füssen in den Waggon. Sie waren ganz aufgebläht, violett, warm. Um sie zu berühren, hatte ich meine Hände in die Ärmel eines beigen Pullovers gesteckt. Jedesmal, wenn wir zufaßten, löste sich ihre Haut rund um die Fäuste und wir hatten den Eindruck, Handschuhe in den Händen zu haben.
(...)
Dann Dachau. Ein Bahnsteig. Hier hielten wir wirklich an. Dachau. Ich weiß, was das ist. Ich habe Dinge darüber gelesen, schon vor dem Krieg. Der Bahnsteig ist stabil gebaut, aber nicht überdacht. Auf der anderen Seite war zwischen uns und der Landschaft nur ein einziges Gleis. Und auf diesem Gleis stand ein Zug. Ein Vorortzug. In diesem Zug saßen Kinder. Genau gegenüber von uns waren kleine Mädchen mit ihren Schulranzen, Kinder auf dem Weg zur Schule. Sie beobachteten.
Sie sahen, wie die Waggons geöffnet wurden. Nicht alle Waggons. Eine Menge von Clochards stieg aus, die aussahen wie diejenigen, die auf Strassenbänken schlafen (vielleicht nicht in Deutschland, wo dies verboten sein muß). Mit schmutziger Kleidung, Vier-Tagen-Bärten, mager, blaß, verwirrt. Natürlich haben einige auch eine Provianttasche. Andere haben seltsame Pakete, die mit Schüren zusammengebunden sind. Die Mädchen wußten genau, um wen sich es sich handelte: Sträflinge, Abschaum, den man ins Lager brachte. Die Gendarmen sind da, um sie auszuladen. Die SS-Männer, die sie empfangen, sind schön, vornehm, stolz. Eine andere Qualität von Menschen. Eine andere Rasse. Man sieht doch genau, daß Hitler Recht hatte. Die anderen, diese Halunken, müssen Juden sein.
Die Halunken, die Juden, versuchen Haltung zu bewahren. Sich aufrecht zu halten zuerst und zu laufen. Anders auszusehen, als sie sind. Anders als Gesindel. Mir begegnete der Blick eines Mädchens von zwölf Jahren vielleicht. Braune Augen in einem breiten Gesicht. Sie schlägt ihre Augen nicht nieder. Ich ebensowenig. Was denkt dieses Kind?
Wir setzten uns in Bewegung. Ich drehe mich um, um meinem ersten Waggon einen Gruß zuzuwerfen. Dem Waggon mit den Leichen. Dem Massengrab. Und dort ein anderer Waggon, vollkommen geschlossen, aus dem irgendeine Flüssigkeit auf den Boden fließt. Noch ein anderer und noch einer. Ich zählte fünf."

Ende des Zitats.

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Das ist eine Geschichte, nur ein Zeugnis aus der Vergangenheit, ein Mensch unter Tausenden anderen Männern, Frauen, Kindern, die aus der ganzen Welt nach Dachau verschleppt wurden, in diesem Ort, wo wir uns wieder treffen, um derer zu gedenken, um uns an ihren Kämpfe zu erinnern, und Lehren daraus zu ziehen.

Sind wir heute dem Vermächtnis der Verschleppten, dem Schwur der Überlebenden würdig?

Heutzutage beobachtet man in verschiedenen Ländern neue Trends der Stigmatisierung und Diskriminierung, Islamophobie ist neben Antisemitismus vorhanden.
- in den Niederlanden will ein Politiker weniger Marokkaner im Lande haben ; ein niederländischer Fußballklub, der zu trainieren nach Katar eingeladen ist, diskriminiert einen seiner jüdischen Spieler, da er in Katar nicht akzeptiert ist;
- in Deutschland wird das Wachstum von der aktiven und virulenten Partei „Freiheit für Deutschland" festgestellt, welche keine Moschee am Stachus haben will; ebenso ein Anstieg von Antisemitismus und Rassismus in den Fußballstadien.
Diese Aktivitäten werden durch Macabi, die Aktion „Nie wieder" in Zusammenarbeit mit deutschen Fußballligen bekämpft. Wir gratulieren sie für ihren Kampf gegen diese Tendenzen.

Man stellt fest, daß die Sinti und Roma immer noch aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen sind, was inakzeptabel ist.
Wir müssen gegen neue Formen der Ausgrenzung, von Verfolgungen, von Antisemitismus, Fremdenhaß und Rassismus wachsam bleiben.

Der sichtbarste Teil der Haßrede kommt von der extremen Rechten, und besonders von der NPD. Nach den Angaben einer Studie von Decker, Kiess und Brähler für die Friedrich-Ebert-Stiftung, während im Westdeutschland der Prozentsatz der Bevölkerung, der die rechtextremen Gruppen unterstützt, sich vom 7,6% im 2010 auf 7,3% im 2011 verringert hat, ist dieser Prozentsatz während derselben Periode im Osten wesentlich gestiegen – er wurde von 10,5% auf 15,8% erhöht.

Die europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) freut sich über den Beschluß des Bundesrates am 14. Dezember 2012, erneut einen formellen Antrag für das Verbot dieser Partei zu stellen.
In seinem Bericht über Deutschland, der am 25. April 2014 veröffentlicht wurde, bedauert die ECRI das Scheitern im 2008 und 2012 von zwei Versuchen des Bundesrats, die darauf gezielt haben, im Artikel 46 des Strafgesetzbuchs vorzusehen, daß eine rassistische Motivation einen erschwerenden Umstand ergibt, und stellt fest, daß in der Rechtsprechung und Literatur des Strafrechts der Rassismus als Begriff kaum vorhanden ist. Die ECRI empfehlt auch den deutschen Behörden, in allen Ländern eine unabhängige Einrichtung zu schaffen, die den Rassismus und die rassistische Diskriminierung bekämpfen soll.

Liebe Freunde, bei dieser Gedächtnisfeier, bei dieser Freiheits- und Gedenkfeier ist es angebracht, die circa vier Tausend Sowjetbürger in Erinnerung zu rufen, die am Schießstand in Hebertshausen erschossen wurden.

In Folge des Kommissarsbefehls wurden 4000 sowjetische Kriegsgefangene, hauptsächlich Offiziere, kommunistische Funktionäre und Juden, niedergeschossen.
Der Kommissarbefehl vom 6 Juni 1941 – offiziell: „Richtlinien für die Behandlung politische Kommissare" - zählt zu den Völkerrechtsverletzungen der deutschen Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges. Er enthielt die Anweisung, Politkommissare der Roten Armee nicht als Kriegsgefangenen zu behandeln, sondern sie ohne Verhandlung zu erschießen. Die „Richtlinien" wurden von Generaloberst Alfred Jodl, Chef des Wehrmacht (OKW), unterzeichnet. Im Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher stellte der Internationale Militärgerichtshof in seinem Urteil gegen den Chef des OKW Wilhelm Keitel fest:
„Am 12 Mai 1941, fünf Wochen vor der Invasion der Sowjetunion, drängte das OKW bei Hitler darauf, einen Befehl an das Oberkommando des Heeren (OKH) zu geben, wonach politische Kommissare durch das Heer zu erledigen seien."
Einige militärische Befehlshaber machten Bedenken gegen den Kommisarbefehl geltend. Ihnen wurde jedoch von Wilhelm Keitel erklärt:
„Die (geäußerten) Bedenken entsprechen den soldatischen Auffassungen vom ritterlichen Krieg. Hier handelt es sich um die Vernichtung einer Weltanschauung, deshalb billige ich die Maßnahmen und decke sie."

Weltanschauungen ?

Das bringt uns zur Frage, wie es mit unserer Weltanschauung heutzutage ist, und womit wir zufrieden sein können und womit nicht.

Wie ist es heutzutage mit unserer Weltanschauung, im Respekt zu den 4000 ermordeten Sowjetbürgern?

Sorgen wir dafür, daß die Internationalität der KZ-Gedenkstätte Dachau und derer Außenlager geachtet wird; sorgen wir dafür, daß die Komponente der verschiedenen Länder, aus denen die nach Dachau verschleppten Gefangenen stammten, berücksichtigt wird.

Gedenken wir der Worte von Jean Lassus, gedenken wir der in Hebertshausen 4000 ermordeten Sowjetbürger, gedenken wir der hier in Dachau und dessen Außenlager zahlreichen Verschleppten und Ermordeten:

Setzen wir ihren Kampf fort. Bleiben wir wachsam, Freiheit ist ein kostbares Gut, meiden wir die Nationalismen, achten wir die Souveränität der Länder, machen wir eine Scheidung zwischen Kirchen und Staat im Geist von Montesquieu, respektieren wir einander, bleiben wir dem „Nie wieder" treu!

Und laßt uns nicht vor dem dritten Weltkrieg stehen!
Et faites en sorte que bous ne soyons pas à l'aube d'une troisième guerre mondiale !
Laten wij geen derde wereld oorlog kriigen!

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.