Hommage an Max Mannheimer am 23. Oktober 2016

Wer erinnert aus welchen Gründen und zu welchem Zeitpunkt an wen?

Diese Frage begleitet die Bemühungen um Aufklärung und um die Bewahrung der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen seit Jahrzehnten. Allein im Konzentrationslager Dachau und seinen Außenlagern – von Auschwitz gar nicht zu reden - wurde in den Jahren 1933 bis 1945 das Leben von mehr als 200 000 Menschen beschädigt, zerstört oder vernichtet – eine Zahl die Erschrecken hervorruft, aber keine tieferen Gefühle auslöst. Erst die Begegnung mit der Geschichte eines einzelnen Menschen, die Auseinandersetzung mit dem individuellen Schicksal vermag uns, die wir verschont geblieben sind, eine Vorstellung davon zu vermitteln, was die nationalsozialistische Verfolgungs- und Mordpolitik angerichtet hat.

MaxMannheimerElijaBoslerHeute sind wir zusammengekommen, um an Max Mannheimer zu erinnern, der vor vier Wochen im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Er hatte den Genozid an den Europäischen Juden überlebt und dann im Pensionsalter seine Berufung als Zeuge und Aufklärer gefunden. Max Mannheimer war ein außergewöhnlicher Kommunikator und in den drei Jahrzehnten seines Wirkens hat er so viele Menschen erreicht und bewegt wie kaum ein anderer seiner Leidensgenossen. Das hing auch mit dem Wandel in Politik und Öffentlichkeit im Hinblick auf den nationalsozialistischen Terror zusammen. Erst vier Jahrzehnte nach der Befreiung der Todeslager entwickelte sich in Deutschland Interesse und Empathie für die überlebenden Opfer. Viele die sich in den Jahren zuvor für die Erinnerung eingesetzt hatten, konnten dies nicht mehr erleben.

Aber es lag vor allem in der Persönlichkeit Max Mannheimers begründet. Er machte es seinem Gegenüber leicht indem er freundlich, offen und voller Neugier auf andere zuging. Sein Bericht war weder durch Schuldzuweisung noch Verbitterung über das eigene Schicksal geprägt. Er gewann die Zuneigung seiner Gesprächspartner ob Schulkinder oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und seine Botschaft fand den Weg weit über die Bereiche Gedenkstättenarbeit und traditioneller Geschichtsvermittlung hinaus. Dazu trug auch seine künstlerische Arbeit bei. Bereits im Jahr 1954 hatte Max Mannheimer angefangen zu malen. Was zunächst als therapeutische Tätigkeit gegen die quälenden Erinnerungen an die toten Familienangehörigen und Freunde begonnen hatte, erlangte im Laufe der Jahre immer stärkere Bedeutung für sein Leben und seine Sicht auf die Welt. Die Zahl der Ausstellungen seiner Bilder nahm kontinuierlich zu, bis zum Ende seines Lebens führte er seine künstlerische Tätigkeit fort. Große Freude bereitete ihm noch der unter dem Titel „Die Vermählung der Farben“ kurz vor seinem Tod erschienene umfangreiche Bildband seiner Werke.

Ich stelle mir vor, dass die meisten der hier Anwesenden, die Max Mannheimer persönlich kannten, bei dem Gedanken an ihn ein inneres Lächeln verspüren, dass diese Erinnerung mit einem Gefühl von Zuneigung verbunden ist, vielleicht auch mit Dankbarkeit für seine Liebenswürdigkeit, seinen Humor und seine Zugewandheit. Es wäre aber zu wenig, würde das Erinnern an Max Mannheimer nicht auch immer sein Anliegen mit einschließen, das Antrieb für seine rastlose und unermüdliche Tätigkeit war. Die Verantwortung für das nationalsozialistische Erbe und seine Folgen stirbt nicht mit den Zeitzeugen. Sie ist auf alle übergegangen, die von Max Mannheimer angerührt wurden und deshalb aufgerufen sind, dazu beizutragen, den Rückfall in die Barbarei zu verhindern.

Barbara distel 2013

 

 

 

Barbara Distel