Jean Samuel

 

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 Jean Samuel alias André Ratier wird am 18. Mai 1944 von der Gestapo in den Büros, Cité des Fleurs, gegen Mittag festgenommen. Die Deutschen mit ihren Revolvern in den Händen stürmten schreiend „Deutsche Polizei, Hände hoch!“ hinein. Einem Mitglied der Gruppe gelang es zu flüchten. Die Bilanz ist aber dramatisch: ein Toter, ein Verletzter und das Netz ist zerschlagen.

 

 

Jean Samuel

Jean Samuel wurde am 15. Dezember 1923 in Paris geboren, wo er seine Kindheit mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder verbrachte. Nach dem Real schulabschluss besuchte er drei Jahre lang eine kaufmännische Schule. Seine Familie stammte ursprünglich aus dem Elsass und ließ sich in der Hauptstadt nieder, als das Elsass nach der Niederlage von 1870 deutsch geworden ist. Nach der Niederlage der französischen Armee 1940 suchte er in Südwestfrankreich Zuflucht, und zwar in der Stadt Agen (Lot et Garonne). Für den Lebensunterhalt arbeitete er in einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Sein Bruder wohnte in Lyon und arbeitete als Handelsvertreter bei einem Cousin. Dieser Cousin gehörte einer Widerstandsgruppe an. Sein Bruder Claude trat diesem Netzwerk bei und Jean folgte ihm, ohne zu zögern.

 

Jean lernte in Paris Pierre Kahn - alias Roger Farelle­ - kennen, verantwortlich für die Abteilung zur Besorgung falscher Papiere für die nationale Befreiungsbewegung. Jean trat unter dem Pseudonym „Sévigné“ dieser Gruppe bei und wurde, unter falscher Identität, André Ratier. Die wahre Identität von Jean Samuel wurde nie entdeckt. Das Büro für „Falsche Papiere“ befand sich in Paris, Cité des Fleurs. Dieses Widerstandsnetz entwickelte sich und stellte falsche Identitätskarten, Arbeitskarten, Lebensmittelkarten, Geburtsurkunden und administrative Dokumente her. Kurz gesagt, alle erforderlichen Papiere.

 

Jean Samuel alias André Ratier wird am 18. Mai 1944 von der Gestapo in den Büros, Cité des Fleurs, gegen Mittag festgenommen. Die Deutschen mit ihren Revolvern in den Händen stürmten schreiend „Deutsche Polizei, Hände hoch!“ hinein. Einem Mitglied der Gruppe gelang es zu flüchten. Die Bilanz ist aber dramatisch: ein Toter, ein Verletzter und das Netz ist zerschlagen.

 

Jean wurde zum Sitz der Gestapo, Rue des Saussaies in Paris gebracht und streng verhört. Seine Peiniger verprügelten ihn. Sie wollten die Adresse des Entflohenen wissen. Um ihn zum Sprechen zu bringen, wird er durch das Ertränken in der Badewanne gefoltert. Er wurde ohnmächtig. Der Gestapo war es nicht gelungen, die Adresse zu erfahren.

 

Nach Fresnes verlegt, fand er in der Gefängniszelle Pierre Kahn wieder. In Fresnes hörten sie von der Landung der Alliierten in der Normandie und das hellte die Stimmung auf. Nach ca. drei Wochen wird Jean Samuel ins Internierungslager Compiègne überstellt. Bald darauf erfolgte die Abreise Richtung Deutschland.

 

Dem Wetterbericht zufolge war der 2. Juli 1944 der wärmste Tag des Jahres. Zu Hunderten in einem Viehwaggon zusammengepfercht, hineingezwängt, dicht an dicht aneinandergedrängt, sehr stickig. Die Luft sickerte nur durch eine winzige Lucke. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Die Anspannung stieg sehr schnell. Es kam zu Schlägereien. Wer umfiel, wurde von den anderen niedergetrampelt. Sie starben. Jean Samuel war einer der 37 Überlebenden in seinem Waggon. Insgesamt waren 891 Leichen im Zug. Am 5. Juli traf der Transport im Bahnhof von Dachau ein.

 

Dieser berüchtigte Transport Nr. 7909 ist unter der Bezeichnung „Todeszug“ bekannt: von den in den 22 Wagons zusammengepferchten 2521 Gefangenen durchschritten lediglich 1630 lebend das Tor vom Konzentrationslager Dachau. Die Leichen, die im Waggons liegen blieben, wurden ohne Registrierung direkt im Krematorium des Lagers verbrannt. Wie alle Überlebenden des Todeszugs, ging Jean Samuel zu Fuß zum Lager, das er ca. zwei Stunden später erreichte.

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Er wird als André Ratier registriert, die Nummer 77655 wurde ihm zugeteilt. Er betrachtete die Dusche und die gestreifte Lagerkleidung als Segen. Das Lager Dachau bildete aber nur eine Etappe. In Quarantäne-Blöcke untergebracht, blieb er nicht lange im zentralen Lager. Mit mehr als 800 Mithäftlingen wurde er nach kurzer Zeit in die Arbeitslager im Neckartal verlegt. Er gehörte der überwiegend anonymen Mehrheit der Häftlinge an, die auf den Baustellen, in den Bergwerken für die Produktion der Kriegsindustrie des Dritten Reiches schuften mussten: Hunger, Kälte, Schläge, Arbeit in einer Gipsmine, Kapos, Schlafmangel, Krankheiten.

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Jean Samuel erwähnte das tägliche Lagerleben im Neckargerach: „Die Baracken, in denen wir uns befinden, zu dritt oder viert pro Bettgestell dicht an dicht gedrängt, den Wassermangel, um uns zu waschen, ein Wasserhahn für mehrere Dutzend Personen, die Läuse und bald der Typhus. Im Winter die Kälte in unserer Stoffkleidung, Holzpantinen für die Füße, eine Art Holzsohlen mit Flechtwerk, und als Socken ein Stück Stoff, das man zusammenfalten muss, um es an den Knöchel mehr oder weniger festzuhalten. Beim Morgengrauen aufgestanden, Verteilung von lauwarmem Wasser, dem sogenannten Kaffee, Aufstellung für den Appell und Abmarsch zum Bahnhof. Ein Zug bringt uns zur Arbeit, ungefähr eine halbe Stunde Fahrt. Beim Aussteigen aus dem Waggon friere ich vor mich hin, geschwächt durch die mangelnde Ernährung, totz meiner schmerzenden tauben Gliedmaßen wegen der gestrigen Arbeit muss ich hinter dem Kapo zu meinem Arbeitsplatz die Treppen hinaufsteigen, eine Schaufel nehmen oder mich hinter eine Lore stellen, mit der Perspektive, diese Lore den ganzen Tag zu schieben. Geistig stets hellwach sein, unauffällig in der Masse untertauchen, den Blick der Kapos und der Wächter meiden und so sich vor Schlägen schützen. Vom permanenten Hunger getrieben und besessen, warte ich auf die Suppenverteilung.“

 

In Neckargerach hatte er Typhus: Bei über 40 Grad Fieber blieb er eine Woche im Revier. Er überlebte, musste aber trotz Kälte die Arbeit in der Mine wiederaufnehmen. Ihm schlotterten die Knie, seine Beine waren mit Eitergeschwüren bedeckt. Er spürte, dass er nicht mehr lange so standhalten konnte. Aber das Schicksal lächelte ihm zu. Aus irgendeinem Grund bestellte ihn ein deutscher Soldat, und er wurde in das Lager Neckarelz-Schule verlegt, wo die Lebensbedingungen ein wenig leichter waren. Die Mine befand sich näher am Lager. Infolge eines klugen Rats von französischen Häftlingen ging er ins Revier, wo er einen französischen Arzt vorfand, der ihm „Schonung“ erteilte. Dadurch konnte er im Lager arbeiten und wurde von der Arbeit in der Mine freigestellt. Er arbeitete zwei Monate lang mitten im tiefsten Winter 1944/45 in den deutschen Küchen als Kartoffelschäler. Somit arbeitete er in der Wärme und ihm wurde die Nahrung der Deutschen gewährt. Dieser Arzt rettete ihm das Leben und Jean ist ihm zutiefst dankbar. Er hatte Glück gehabt. Er hatte überlebt.

 

Angesichts der vorrückenden alliierten Truppen, die den Rhein überquerten, wurde er im März aus den Neckarlagern evakuiert, zuerst zu Fuß zwei Tage lang. Viele blieben tot am Straßenrand und dann schließlich kam er per Zug nach Dachau zurück. Das Ende des Krieges war nah. Am 29. April 1945 wurde er durch die amerikanischen Truppen befreit. Das war der schönste Tag seines Lebens.

 

Nach seiner Rückkehr in Paris am 10. Mai fand er mit Erleichterung wieder seine Familie vor. Er heiratete, besaß ein Kleidergeschäft zuerst in Le Havre und dann in Rouen. Jedes Jahr trafen sich die Überlebenden des Todeszugs des 2. Juli. Für sie ist diese Verabredung heilig. Als er in den Ruhestand trat, wieder nach Paris zurückgekehrt, beteiligt er sich aktiver am Wirken der französischen Lagergemeinschaft. Nach vielen Jahren als Schatzmeister der französischen Lagergemeinschaft wurde er zum CID-Generalsekretär von der Generalversammlung des Internationalen Komitees im Jahre 1994 in München gewählt. Im Mai 2013 gab er der heranwachsenden Generation die Fackel weiter, an Jean-Michel Thomas, dem Sohn eines von seinen Mithäftlingen. Er selbst wird zum emeritierten Generalsekretär von der Generalversammlung ernannt. Jean Samuel nimmt weiter und regelmäßig an den Sitzungen des Exekutivbüros, des Verwaltungsrats und der Generalversammlung des Internationalen Komitees teil.

Mai 2013 JeanSamuel 

Im Jahre 2005 zum 60. Jahrestag der Befreiung des KZ-Lagers Dachau trägt er zum deutsch-französischen Kolloquium „Erinnerungen und Geschichte aus der Erfahrungswelt in den Konzentrationslagern“ bei, das Anne Bernou und Fabien Théofilakis organisierten. Hier Auszüge aus seinem Zeitzeugenbericht:

Ich habe Dachau verlassen, aber Dachau hat mich nie verlassen. (…) Dachau hat mich mein Leben lang begleitet. Dachau lebt in mir weiter, aber ich halte es auf Abstand. Es hat keinen Vorrang. Im Gegenteil, ich bediene mich seiner, um mein Leben zu gestalten, und das ist gut so. Ich habe immer an mein Land geglaubt und ich tue es noch immer. Ich sehe mich als Demokrat. Ich bin ein Zeuge der Vergangenheit, aber ich will leben, um von den Verbrechern Hitlers zu berichten und um gegen das Vergessen anzukämpfen. (…) Aber Vorsicht: das Böse ist nicht vollends ausgelöscht. Beweise dafür sehen wir tagtäglich.“

Berlin novembre 2014 Bundeskanzleramt

Heute ist er 95 Jahre alt. Seit 70 Jahren ist er mit Estelle glücklich verheiratet.