Vladimir Feierabend 1940Unglaubliches Wiedersehen der Familie.

Wie die Jahre anwachsen, kehre ich mich zu einem oft schicksalhaften Moment meines Lebens zurück. Besonders dann, wenn er mit einem bedeutendem Datum in Verbindung steht. In diesem Sinne war für meine Familie der Jahrestag des Endes des zweiten Weltkrieges unsere Befreiung und Heimkehr nach einem dreijährigen Aufenthalt im KL Dachau und KL Bavensbrück.


Vladimir Feierabend 1940Das Konzentrationslager Dachau war von der 7.Division der US Armee am 29. April 1945 befreit. Die SS konnten nicht das Lager ganz evakuieren. Wir, d.h. ich, mein Bruder, mein Vater und auch mein Großvater, sind im Lager zusammengeblieben, aber in Angst vor dem, was noch kommen konnte. Die Amerikaner waren aber schneller. Gleich nach der Befreiung hat die US Armee in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Häftlingskomitee die Initiative übernommen: zuerst die Typhuskranken isolieren, Ordnung und Sicherheit sichern. Wir wurden geimpft und gegen Läusen desinfiziert. Das Leben im Lager hatte eine Ordnung bekommen. Für 3 Wochen wurde eine Quarantäne eingeführt. Die einzelnen Nationalitäten haben für die Rückkehr in die Heimat genaue Verzeichnisse vorbereitet. Für die tschechischen Häftlinge fängt die Rückreise in Etappen vom 21. Mai bis 24. Mai an. Für Transport waren militärische PKW angestellt, jeder für 25 Leute. Ich und mein Bruder waren im zweiten Turnus am 22. Mai. Das Lager haben wir am Morgen verlassen und über die zerstörte Stadt München sind wir in Richtung Landshut, Deggendorf, Eisenstein nach Pilsen weitergefahren. Dort war die Endstation der Reise. Weiter mußte sich jeder selbst helfen, wie er weiterkommt. Wir haben Glück gehabt und waren mit einem PKW noch am selben Tag in Prag zu Hause. Durch denselben Weg am 24. Mai fährt auch mein Vater. Den Großvater, weil er schon sehr schwach war, aber voll von Willen nach Hause zu kommen, haben die Amerikaner mit Sanitätswagen in Pilsner Krankenhaus transportiert. Nach 3 Tagen habe ich ihn in Prager Krankenhaus geholt, leider ist er dort nach einer Woche im Alter 84 Jahre gestorben. Sein Wunsch nach Hause zu kommen hat sich erfüllt.

Mehr abenteuerlich und auch gefährlicher war die Rückreise meiner Mutter und meiner Tante aus Ravensbrück. Das Konzentrationslager Ravensbrück wurde am 28. April 1945 in großem Chaos in letzter Stunde von der Front evakuiert. Meine Mutter war frisch nach der Typhuserkrankung. Die Frauen hatten ihren Marsch angefangen, aber sie wußten nicht wohin. Mit der SS Bewachung waren sie nicht weit von der Front. Für die Reise hatte jede Frau ein Paket des Roten Kreuzes bekommen. Die Frontlinie änderte sich jede Stunde. Einmal haben sie einen Befehl bekommen, sie müssen sich augenblicklich im Walde in Deckung gehen, weil in der Nähe gekämpft wurde. Dort blieben sie die ganze Nacht, die Gruppe war aber zerstreut. Am nächsten Tag hat die tschechische Gruppe bemerkt, daß in der Nähe niemand ist, auch keine Bewachung. Sie sind vorsichtig weitergegangen, haben sich in leeren Häusern versteckt und so verlief das 3 Tage lang. Überall in der Umgebung haben sie den Lärm des Krieges gehört. Am 5. Mai hat sich der Front sie überrollt und sie waren im Gebiet, das von der russischen Armee besetzt war. Sie sind zurück nach Ravensbrück gegangen, aber sie haben niemanden getroffen. Sind weiter nach Fürstenberg gegangen und unterwegs haben sie eine VladimirFeierabend SergeGruppe der geflüchteten tschechischen Häftlinge begegnet, die irgendwo einen Wagen mit 2 Pferden organisiert haben. Weil es keine Verbindungsmöglichkeit war, hatte sich diese Gruppe entschlossen, weiter in Richtung Frankfurt/Oder zu Fuß zu gehen. Unterwegs war die Gegend mit Leichen bedeckt, überall Menschen, Tiere, zerstörte Hauser usw. Lebensmittel haben sie in leeren Häusern gefunden und auch von Russen bekommen. Die Frauen haben gekocht, die Männer haben sich um die Sicherheit gekümmert und auch Pferde besorgt. Jeder Tag war ein anderes Abenteuer aber der Angst war auch immer da. Fast nach einem Monat hat diese Gruppe von Frauen und Männern die tschechische Grenze erreicht. Die Armee und die Behörden haben für die Gruppe einen Bus bestellt und am 23. Mai waren sie in Prag. Wir, ich und mein Bruder, waren bei der Ankunft da, weil das Radio es gemeldet hatte. Wir haben die Mutter abgeholt und nach Hause gebracht. Mein Vater ist am 24. Mai von Pilsen gekommen, wo seine Rückkehr aus Dachau endete.

So hat sich also nach 3 Jahre in Dachau und Ravensbrück die Familie in 3 Tagen wieder gefunden und begegnet. Ist es nicht unglaublich?

Vladimir Feierabend

 

Ein video interview mit Vladimir Feierabend finden sie hier