Reden bei der Preisverleihung des Stanislav Zámečník-Preises

 Willkommen:

 

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General Jean-Michel Thomas, President

 

Sehr geehrte Damen und Herren

im Namen des Internationalen Dachau-Komitees möchte ich alle Teilnehmer, von denen einige Mitglieder bei dieser Videokonferenz anwesend sind, nach unserer Generalversammlung heute Morgen kurz begrüßen.

Mein Dank gilt zunächst der Vorsitzenden der Jury, Frau Prof. Dr. Sybille Steinbacher, und jedem einzelnen Mitglied der Jury für diesen Preis, insbesondere unserem Vertreter Prof. Dr. Ernst Berger. Er hat mir persönlich die Qualität und die Arbeit Ihrer hochkarätigen internationalen Jury gelobt, der ich hiermit meine Anerkennung ausspreche.

Ich begrüße die Persönlichkeiten der Gedenkstätten in München und Dachau, die sich uns anschließen konnten, und nicht zu vergessen die wenigen Mitglieder des CID, die nach unserer Generalversammlung heute Vormittag ebenfalls anwesend sind. Die Durchführung dieser Zeremonie per Videokonferenz beraubt uns leider der üblichen Begleitung und Unterstützung durch andere Vertreter der Welt des Gedenkens an die Konzentrationslager, was ich sehr bedauere.

Der CID-Preis soll akademische Arbeiten auszeichnen, die sich mit der Geschichte des Lagers Dachau und der Verfolgungspolitik des NS-Regimes befassen, aber auch mit der Aufarbeitung der NS-Verbrechen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, mit der Untersuchung von Gedenkstätten oder mit Arbeiten, die auf Pädagogik und Bildung fokussiert sind. Dieser Preis ist, wie Sie wissen, nach dem anerkannten Historiker Stanislav Zámečník benannt, einem tschechischen Widerstandskämpfer, der im Februar 1941 von der Gestapo nach Dachau deportiert wurde und dort bis zur Befreiung des Lagers in der Kräutergarten und später in der Krankenstation arbeitete. Nach mehr als vier Jahren Haft in Dachau kehrte Stanislav Zámečník in die Tschechoslowakei zurück, wo er sich an der Universität Prag für ein Geschichtsstudium einschrieb. Anschließend widmete er sein Leben der Erforschung der Geschichte des Lagers Dachau und des Nationalsozialismus, die in seiner außergewöhnlichen Monografie: "Das war Dachau" ihren Niederschlag fand. Der Preis wird heute zum dritten Mal verliehen. Er hat jedoch bereits einen echten Bekanntheitsgrad erlangt, indem er sich sehr schnell zu einer geschätzten Anerkennung, einem Gütesiegel für Qualität und Seriosität entwickelt hat, das nach einer harten Auswahl vergeben wird.

Leider habe ich die Arbeit, die heute gelobt und geehrt wird, noch nicht gelesen und kann daher nicht darüber sprechen. Ich werde also ein offenes Ohr für die beiden Persönlichkeiten haben, die uns nun darüber berichten werden. Ich habe auch nicht das Vergnügen, den brillanten Gewinner dieses Preises, Dr. Markus WEGEWITZ, für sein Werk : Kultivierter Antifaschismus. Nicolaas Rost und der lange Kampf gegen Nationalsozialismus 1919 bis 1967. Diese feierliche Diplomübergabe, ohne warmen Händedruck und ohne Champagner, ist natürlich frustrierend. Aber sie konkretisiert für alle die Forschungsarbeiten zur Bekanntmachung und Erinnerung an das Lager Dachau, d. h. unser gemeinsames Ziel. Und in diesem Sinne werden wir dem strahlenden Preisträger unsere herzlichsten Glückwünsche überbringen.

Dr. Markus WEGEWITZ ich habe die Ehre, Ihnen im Namen des CID, den Stanislav Zámečník Preis 2022 zu überreichen, mit unseren herzlichsten Glückwünschen.

 

oorkonde Wegewitz

 

 

 

 

 

 

 

 

Laudatio:

annette erberleProf. Dr. Annette Eberle 

Sehr geehrte Mitglieder des Comité International de Dachau, liebe Kolleginnen und Kollegen der Jury, sehr geehrte Damen und Herren, und wir freuen uns sehr, Sie begrüßen zu dürfen, lieber Herr Wegewitz,

Wir möchten Ihnen Herr Wegewitz sehr herzlich im Namen der Jury zur Auszeichnung mit dem Stanislav-Zamečník-Preis des Comité International de Dachau gratulieren. In großer Übereinstimmung befanden wir, dass Ihre Dissertation „ Kultivierter Antifaschismus. Nicolaas Rost und der lange Kampf gegen den Nationalsozialismus, 1919–1967“, in sehr überzeugender Weise den Intentionen der Preisstifter entspricht. So sind wir sehr dankbar darüber, dass die Arbeit unter der Betreuung von Norbert Frei an der Universität Jena entstehen konnte, und Sie diese dort im Februar 2021 sehr erfolgreich mit dem Prädikat „summa cum laude“ verteidigen konnten.

Seit Bestehen des Stanislav-Zamečník-Preises des CID hat sich gezeigt, welche bedeutsamen Impulse die bisherigen Preisträger mit ihren Werken für die Historiographie des Konzentrationslagers Dachau durch neue, wie auch grundlegende Erkenntnisse über die Geschichte der internationalen Häftlingsgesellschaft geben konnten. Sie setzen mit Ihrer Arbeit über die Erfahrungsgeschichte des Antifaschismus in Europa am Beispiel der politischen Biografie des niederländischen Journalisten Nicolaas Rost, der auch Überlebender des KZ Dachau war, diese Tradition fort. Um diese Ihre Leistung zu würdigen, tragen wir heute als niederländisch-deutsches Duo die Laudation über das ausgezeichnete Werk vor. Ich, Annette Eberle, beginne und Hans de Vries, langjähriger Sachverständiger am niederländischen Institut für Kriegs-, Holocaust und Genozidstudien in Amsterdam ergänzt dann aus der Sicht der Auseinandersetzung in den Niederlanden.

Der Namensgeber des Preises Stanislav Zamečník, der sich als 17jähriger nach der deutschen Besetzung seiner Heimat, der Tschechoslowakei dem Widerstand gegen das NS Regime angeschlossen hatte und vom Februar 1941 bis zur Befreiung am 29. April 1945 im KZ Dachau inhaftiert war, hatte Nicolaas Roost, der dort Häftling vom 17. Juni 1944 bis zur Befreiung war, im Krankenrevier kennengelernt. In Zamečníks im Jahr 2002 publizierter maßgeblicher und bislang einziger Monografie über das Lager mit dem Titel „Das war Dachau“ erinnert er an Nico Rost in einem längeren Absatz über den Widerstand im Krankenrevier durch die dort arbeitenden Häftlinge: den tschechischen Arzt Dr. František Blaha und den deutschen Sozialisten Heinrich Stöhr, Oberpfleger im Revier. Beide riskierten ihr Leben, um das Leben der ihnen anvertrauten Häftlingen zu schützen und zu retten. Zamečník schreibt: „(…) der Holländer Nico Rost und der Deutsche Heinrich Auer hatten das Glück, unmittelbar nach Ankunft im Lager in das Revier zu gelangen. Dank Stöhr blieben sie bis zum Ende des Krieges in einer ruhigen Umgebung und konnten sich sogar Literaturstudien widmen.“1 Durch die so erfahrene Häftlings-Solidarität entstanden geheime Tagebuchaufzeichnungen, auf deren Grundlage Nico Roosts Erfahrungsbericht „Goethe in Dachau“ über die Häftlingsgesellschaft in den letzten Kriegsjahren entstand. Das Buch erschien im Jahr 1946 in den Niederlanden und im Jahr 1948 durch den Ostberliner Verlag Volk und Welt in deutscher Übersetzung. Bis heute avancierte das Buch auch durch die Rezeption an der KZ-Gedenkstätte Dachau zu einer wichtigen Quelle über Grenzen und Möglichkeiten von Solidarität angesichts eines Systems geprägt von absoluter Unmenschlichkeit. Der Überlebendbericht von Rost dient der Reflexion über die Frage, ob und in welcher Weise Solidarität trotz des alltäglichen Terrors die Situation der Häftlinge wie auch das Miteinander im Konfliktfeld der unterschiedlichen Häftlingsgruppen und -Nationen prägen konnte. Diese Diskussionen begleitete meine erste Beschäftigung mit „Goethe in Dachau“, als ich in den früher 2000er Jahren den Auftrag erhielt, eine Bildungsabteilung an der Gedenkstätte zu etablieren. Für heutige Besucher sind Auszüge daraus wie auch aus seiner im Jahr 1955 erschienenen Schrift „Ich war wieder in Dachau“ mit dem Audioguide hörbar. Weniger bekannt sind Rosts frühere Schriften über das Wesen des Naziterrors im Lager und im Krieg aus den 1930er Jahren: Wie der niederländische Text „Die Brauerei von Oranienburg. Ein Konzentrationslager im Dritten Reich“ aus dem Jahr 1933 oder seine Reportage über die Zerstörung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Flugstaffel Condor, die er nach seiner Rückkehr als Kriegsbeobachter des Spanischen Bürgerkriegs in den Niederlanden veröffentlichte. Auch diese Stationen werden in der Arbeit von Wegewitz als Referenzrahmen antifaschistischer Erfahrungen reflektiert.

Nico Rost sah sich auch nach der Befreiung als Teil der Gesellschaft der Häftlinge und Überlebende in ihrem Kampf für die Erinnerung an den einstigen Ort des Naziterrors. Für ihn ging mit dem Kampf gegen das Vergessen der Kampf gegen den Faschismus weiter. Barbara Distel, die ehemalige Leiterin der KZ Gedenkstätte, die von Beginn an den Aufbau der Gedenkstätte begleitete, würdigte diese seine Rolle bei der Errichtung der KZ Gedenkstätte in ihrem Gutachten, das sie als Jurymitglied über die heute auszuzeichnende Arbeit von Markus Wegewitz verfasste. Sie schreibt darin über Nico Rosts Beitrag für die Arbeit des Comité International de Dachau: „Mit dem Beginn der Bemühungen des 1955 neu gegründeten Comité International de Dachau für die Schaffung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers in Dachau wurde Nico Rost zu einem der wichtigsten Protagonisten. Seine vielfältigen internationalen Verbindungen, insbesondere zur belgischen Führungsspitze des Comites, seine deutschen Sprachkenntnisse und seine schriftstellerische Begabung prädestinierten ihn zu einem tatkräftigen Vermittler vor allem zwischen den deutschen Überlebenden und den Vertretern der restlichen nationalen Mitgliedsverbänden der Organisation. Nico Rost geriet nach seinem plötzlichen Tod im Jahr 1967 in Vergessenheit bis der Literaturkritiker Wilfried F. Schoeller 1999 im Berliner Verlag Volk und Welt eine Neuaufgabe von „Goethe in Dachau“ sowie weitere Schriften Nico Rosts publizierte.“

Markus Wegewitz ist es mit seiner Dissertation nun gelungen, die kollektiven Erfahrungen der Dachauer Häftlingsgesellschaft ausgehend von der Erfahrungswelt des Verfassers von „Goethe in Dachau“ neu zu erinnern, um sie als Teil einer politischen Erfahrungsgeschichte des Antifaschismus in Europa zu zeichnen und historisch zu analysieren. Und dies ausgehend von einer Gegenwart, in der Antifaschismus als politische Bewegung gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Europa notwendige wie traurige Aktualität erlangt. Und, ganz aktuell, einer Gegenwart in der Antifaschismus in grausamer Weise umgedeutet und als Legitimation für den militärischen Angriff auf die Ukraine und für Kriegsverbrechen dient. Von diesem Zusammenhang konnte der Autor noch nichts ahnen.

Bezeichnend für den überzeugenden wissenschaftlich methodischen Ansatz, Antifaschismus als Erfahrungsgeschichte zu untersuchen, ist die Stelle, an der Markus Wegewitz „Goethe von Dachau“ als Teil eines Kollektivs von Erinnerungsberichten über das Überleben faschistischen Terrors charakterisiert: „Die nachträgliche Sinngebung durchzieht die Erinnerungsberichte der Überlebenden im Allgemeinen und Rost eigenes „Tagebuch“ Goethe in Dachau“ im Besonderen. Als historische Quelle hält der Bericht kaum unvermittelte Erfahrungen über das Konzentrationslager bereit. Stattdessen folgt das Buch einem komplexen, dem antifaschistischen Kulturbegriff verhafteten Interpretationsmuster, das es schwierig macht, es als Quelle für eine Erfahrungsgeschichte des Zeitraums vor der Befreiung zu lesen. In der individuellen Beschreibung der Konzentrationslager muss in diesem Fall immer die politische Prägung des Beobachters einkalkuliert werden, auch, weil eine solche Perspektive an vielen Stellen die einzige Chance ist, sich der Geschichte des Lagers zu nähern. Die Erfahrungen der Antifaschist*innen in der fremden Welt der Konzentrationslager zehren dabei von den Jahren des Engagements vor der Gefangenschaft gleichermaßen wie von den Erlebnissen in den Lagern selbst, aber auch von den Erwartungen und Hoffnungen für die Zeit nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes.“ (S. 147)

Dieses Zitat gibt auch Aufschluss über das analytische Potential des interdisziplinären Ansatzes in der gegenseitigen Befruchtung von Sozial-, Geistes- und Politikgeschichte. So wird auch der Werdegang von Nico Rost deutlich, aufgewachsen in einem bürgerlichen Umfeld und sein Leben lang im Kampf für soziale Gerechtigkeit und gegen nationalsozialistische Unterdrückung. Die historische Entwicklung des Antifaschismus als politische Bewegung wird in Verschränkung mit der politischen Entwicklung des Faschismus nachgezeichnet, bis hin zu dem Nachwirken des Nationalsozialismus in den 1950er und 60er Jahren, und immer ausgehend von den Lebensstationen von Nico Rost als Zwischenstationen seiner politischen und biografischen Suche. .Nach dem niederländischen Historiker Peter Romijin als einer der Gutachter der Dissertation, gelingt Wegewitz damit ein innovativer Beitrag, um am Beispiel der Entwicklung von Rost auch die Geschichte des Antifaschismus zu verstehen: „Rost zeigt sich als Internationalist, als ein Mann, der Teil verschiedener Netzwerke von Bohémiens, Schriftstellern, Journalisten und Politikern war. Dies knüpft sehr gut an die gegenwärtige Tendenz an, transnationale Geschichten von Widerstandsnetzwerken in Europa zu schreiben, in denen antifaschistisches Handeln in längerfristiges Engagement und Aktivismus eingebettet ist.“

Dies gelingt Wegewitz vor allem auf der Basis einer umfassenden Recherche von Primär- und Sekundärquellen, insbesondere der niederländischen Quellen – und hier übergebe ich das Wort an meinen Jurykollegen Hans de Vries:

Hans De Vries Laudatio Wegewitz

 

Hans de Vries

Wegewitz’ Vermögen Niederländischen Quellen unbeschränkt zu benutzen hat mich sehr beeindruckt. Obwohl er vollkommen zurecht betont, dass seine Forschung keine Biographie ist, ist er (u.a.) mit Hilfe dieser Quellen imstande gewesen Rost doch einiges biographisches Relief zu verleihen.

Meiner Einsicht nach sehr zurecht, weil sein Protagonist auf diese Weise nicht als ein abstraktes Medium im historischen Prozess des Antifaschismus erscheint, aber als konkreter Mensch, der manchmal folgenschwere Entscheidungen getroffen hat. Ich halte diese Methodik für sehr wichtig, weil sonst der Antifaschismus in einem zu großen Maße als 'objektives' historisches Konstrukt dargestellt wird.

Rost ist unbedingt ein sehr 'biographabeler' Mensch. Kommunist, aber bestimmt kein Leninist. Er zeigte sich den Komintern-Richtlinien ziemlich unabhängig gegenüber (obwohl er seinen 'Freund' Jef Last denunziert hat). Er hat sich in Dachau (u.a.) mit klassenfeindlichen Figuren wie Pim Boellaard und Carel Steensma (Konservativen) und Stuuf Wiardi Beckmann (Sozial-Demokrat) befreundet, was ihm in der Nachkriegszeit von der Niederländischen KP-Leitung sehr übelgenommen wurde. Er war ein Einzelgänger, ein heimatlose Linke. Und darüber hinaus (was nichts mit Politik und Antifaschismus zu tun hat): er hegte eine tiefe Liebe für Deutschland, ihre Sprache und Literatur. Die (leider nicht auf Deutsch übersetzte) Biographie von Hans Olink heiβt: "Nico Rost. De man die van Duitsland hield" (Nico Rost. Der Mann der Deutschland liebte). Du kannst Dir vorstellen daβ die KP für seine literarische Überlegungen besonders wenig Interesse gezeigt hat. All dieses „Geschwafel“ hat ja nichts mit dem Klassenstreit und Antifaschismus zu tun.

Damit beweist die Studie von Markus Wegewitz auch, dass sie lang gehegte Stereotype in der Historiographie wie auch der Erinnerungskultur überwindet – ganz im Sinne der gegenwärtigen Erinnerungsarbeit des Comité International de Dachau und des Namensgebers des Preises Stanislav Zamečník.

 

 

 


 

  Preisträgers Dr. des. Markus Wegewitz

 

Martin Winter maisel 6Z0A2811

 

 

Verleihung des Studienpreises des Comité International de Dachau für die Dissertation:

 Kultivierter Antifaschismus. Nicolaas Rost und der lange Kampf gegen den Nationalsozialismus, 1919–1967

 

 

Zusammenfassung

Die Studie von Markus Wegewitz beleuchtet die Geschichte des Antifaschismus, die eng mit den Weichenstellungen des extremen 20. Jahrhunderts verflochten ist. Antifaschismus ist Erfahrungsdispositiv, Lebensentwurf und politische Position zugleich. Die Untersuchung, die als Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena entstanden ist, bietet einen historischen Längsschnitt von der Entstehung eines organisierten Antifaschismus nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bis in die globalen 1960er Jahre. Dabei werden zentrale Ideen, Organisationsformen, Erinnerungsmuster und Bestandteile der politischen Kultur herausgearbeitet.
Um diese verschiedenen Entwicklungslinien miteinander in Beziehung zu setzten, nutzt die Studie einen erfahrungsgeschichtlichen Zugang, Methoden der historischen Biografik. So werden die deutende Aneignung der historischen Wirklichkeit durch Antifaschist:innen nachvollziehbar gemacht und gleichzeitig über die individuelle Ebene hinaus soziale Kontexte, Ideenwelten und zentrale Diskurse erschlossen.
Protagonist der Studie ist der niederländische Journalist, Kommunist, Überlebende der Konzentrationslager Oranienburg, Vught und Dachau sowie Gründungsmitglied des Comité International de Dachau, Nicolaas Rost (1896–1967). Sein Lebensweg bietet einen biografischen Zugang zum Antifaschismus im 20. Jahrhundert. Als Reporter, Organisator und Übersetzer wirkte Rost vor allem für die Anschlussfähigkeit des Antifaschismus über sprachliche, kulturelle und nationale Grenzen hinweg.
Insbesondere geht die Untersuchung auf den Bezug zur deutschen Schriftkultur ein, der von Rost und anderen Antifaschist:innen als politisches Argument gewendet wurde. In diesem „kulturreferentiellen“ Antifaschismus setzten sie eine essentialisierte humanistische Kultur gegen die faschistische Barbarei. Insbesondere der Topos der „Verteidigung der Kultur“ war über die Jahrzehnte hinweg entscheidender Teil der antifaschistischen Mobilisierung und Bündnispolitik.
Deutlich wird auch, mit welcher Perspektive Überlebende des Konzentrationslagers Dachau und ihre Organisationen auf den Antifaschismus blicken. Rosts Interpretation der Lagerzeit in seinem Buch „Goethe in Dachau“, die Inklusion der Opfer der Shoah und anderer Gruppen der Verfolgten, sowie der politische Kampf um die Errichtung einer Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau lassen sich auch als antifaschistische Praxis verstehen.
Antifaschismus soll als pluraler Begriff gefasst werden, in dem unterschiedliche humanistische, sozialistische und kommunistische Ideen anklingen und in dessen historischer Genese konkrete Organisationsformen, Demokratiekonzeptionen, linke Utopien und Maßstäbe der historischen Gerechtigkeit eingeschrieben sind. Kritische Reflexion über Antifaschismus, seine verschiedenen Spielarten, politischen Ziele und historischen Anleihen ist dringend geboten, auch und weil damit gerade liebgewonnene Feindbilder und antikommunistische Reflexe diskreditiert werden können. Diese Studie zeigt dazu einen Weg auf.

 

Mehr uber Nico Rost im pdf:

 

Nico Rost brochure über Koncentrationslager Dachau;  Ausgabe 1961 - 1963

 

Ausstellung über Nico Rost aus den 1990er Jahren; mit freundlicher Genehmigung der Stadt Dachau.