ernstJung

Am 14. Juli 1923 wurde Ernst Sillem als ältestes von fünf Kindern (darunter zwei Schwestern) in Baarn geboren. Er war ein Sportler (Hockey) und spielte gerne Theater, die Schule interessierte ihn weniger. Im Januar 1941, im Alter von 17 Jahren, beschrieb er eines nachts die Wände des Gymnasiums von Baarn mit Parolen wie "Weg mit Hitler" und "Deutsche Attentäter". Die polizeilichen Ermittlungen waren ergebnislos. Erst nach dem Krieg erzählte Ernst die Geschichte.
Sillem war Student an der kolonialen Landwirtschaftsschule in Deventer, als er und sein Freund Jaap van Mesdag am 31. August 1942 versuchten, mit dem Kanu nach England zu fahren. Vom Strand von Goeree-Overflakkee (Zeeland) aus begannen sie, bewaffnet mit zwei Satteltaschen, die mit ein paar Kanistern Benzin und Mesdag's Trompete gefüllt waren, die Überfahrt.
Wenn sich das Wetter auf See verschlechtert, droht das Kanu zu sinken. Glücklicherweise sehen sie in der Ferne Schiffe segeln, und Mesdag bläst das SOS auf seiner Trompete. Leider handelt es sich um deutsche Patrouillenboote, und die beiden Schiffbrüchigen werden verhaftet.

jaap van mesdag ernst sillemÜber die Konzentrationslager Amersfoort und Vught treffen sich Sillem und sein Freund im Juni 1943 im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, ein "Nacht und Nebel"-Lager, wieder. Dieses Lager ist für seine hohen Todeszahlen bekannt. Im September 1944, bevor die vorrückenden alliierten Truppen Natzweiler erreichten, wurde das Lager von den Deutschen evakuiert und Sillem und Van Mesdag wurden in das Konzentrationslager Dachau transportiert. Sillem wurde dann in das Außenlager Allach geschickt und im BMW-Werk eingesetzt. Als sich herausstellte, dass er ein NN-Häftling war, wurde er im Januar 1945 nach Dachau rücküberstellt. Am 29. April 1945 wurden er und sein Freund Van Mesdag von den US Truppen befreit.


Nach dem Krieg ging Sillem mit seiner Frau Claartje nach Marokko, wo er 1947 in einem Zitrusanbauunternehmen zu arbeiten begann. Mit der finanziellen Unterstützung seiner Familie und seiner Freunde kaufte er ein Stück Land in der Nähe und gründete seine eigene Zitrusplantage, die sich zu einem florierenden Unternehmen entwickelte. Hier wurden ihre sechs Söhne geboren. Nach der Scheidung von Claartje tritt Maria, eine Deutsch-Französin, in sein Leben. Als die Plantage 1976 verstaatlicht wird, geht Sillem nach Frankreich, wo er in der Ardèche eine Kaninchenfarm einrichtet. Als Maria nach sechzehn Jahren Ehe stirbt, ist dies ein weiterer großer Rückschlag in seinem Leben. Einige Zeit später lernt er die französische Künstlerin Nicole kennen, auch sie heiratet Ernst. Sie ziehen in die Provence, wo Sillem eine Tafel für die Bedürftigen in der Region einrichtet. Er holt dafür die Lebensmittel mit einem Lastwagen vom Supermarkt. Nach fünfzehn Jahren Ehe stirbt auch Nicole. Danach lebt er nochmals mit einer neuen Partnerin zusammen, bis diese an Alzheimer erkrankt und nicht mehr unabhängig ist.
Sillem blieb bis ins hohe Alter mit Natzweiler (Präsident der Niederländischen "Freunde ehemaliger Natzweiler") und Dachau verbunden und nahm regelmäßig an Gedenkreisen teil. Er führte ein "Zeitzeugengespräch" an der Gedenkstätte Dachau. Die Zuhörer waren sehr beeindruckt von der nüchternen Geschichte seines Lebens in den Lagern, die er frei von Hass und wohlwollend erzählte.
Ernst Sillems Kriegserfahrungen werden auch in dem Buch "Geen Nummers maar Namen" (Namen statt Nummern) beschrieben, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung veröffentlicht wurde. Dort wird Sillem von Sydney Weith, Schülerin des Baarns Lyzeum, interviewt, die einen Artikel über ihn schreibt und ihn als einen lebendigen und positiven Mann kennen lernt. Die deutsche Version der Ausstellung, "Namen statt Nummern", wurde ein Jahr lang in der Gedenkstätte gezeigt.
Ernst Sillem war ein vornehmer und umgänglicher Mann, bescheiden und sehr einfach in seiner Herangehensweise. Eingeladen, an den Feierlichkeiten zum 75. Jahrestag der Befreiung des Lagers im Jahr 2020 teilzunehmen, antwortete er: "Nein, ich bin aus Dachau gekommen, ich will dort nicht sterben".
Ernst Sillem starb am 17. Oktober 2020 in Carpentras, Frankreich.