Rede des Generals Jean-Michel Thomas

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74. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau 5. Mai 2019

Die heutige Gefährdung der Demokratie in Europa sollte uns verunsichern. Durch die Unzufriedenheit und die Frustration, die zum Ausdruck gebracht werden, hat sich die politische Landschaft verändert. Die Volksvertretungen haben sich ebenfalls geändert und man macht sich Sorgen um die baldigen Europa-Wahlen. Die internationale Lage ist mit dem inakzeptablen Wiederanstieg des Antisemitismus und mit dem radikalen Islamismus zunehmend unsicher.

 

 

 

 

 

Es droht auch die Verharmlosung des Nationalsozialismus und seiner Vernichtungspolitik, die mit Gaskammern in Auschwitz und mit Zwangsarbeit und Hunger in Dachau und den anderen Konzentrationslagern umgesetzt wurde. Die üblen Worte, die zur Verharmlosung der 12 Jahre Nationalsozialismus benutzt wurden, sind uns bekannt. Diese Jahre begannen 1933 mit der Errichtung des KZ Dachau.

Angesichts des Willens, die Vergangenheit zu ignorieren oder zu verharmlosen, ist es umso wichtiger, die Erinnerung an diese Zeit wach zu halten; zusammen mit der Erinnerung an alle Opfer und an die, die gegen ein braunes Europa gekämpft haben.

In dieser Hinsicht gehören die Überlebenden von Dachau zu den ersten Europäern. Im Namen des « nie wieder » und der Erinnerung an alle ihre Leidensgenossen wollten sie, dass ihre unvorstellbare Geschichte bekannt und geglaubt wird. Ihr Wunsch wurde erfüllt, und die Arbeit der Stiftung, der Gedenkstätte und der vielen Verbände garantiert dies. Dafür danken wir ihnen.

Die Lehre aus dieser Geschichte wird aber noch nicht von allen angenommen. Dies stellt eine Gefahr dar.

Das Verharmlosen des Nationalsozialismus durch populistische Parteien und Bewegungen gefährdet die Vermittlung der Geschichte und der Lehre, die wir daraus ziehen. Es verhindert das Verstehen der Tragödien des 20. Jahrhunderts durch jüngere Generationen.

In dieser feindseligen Lage Europas und der Welt zeigt sich die volle Bedeutung unseres heutigen Treffens bei dieser internationalen Gedenkfeier. Auf diese Bedeutung möchte ich nun genauer eingehen.

Bei der heutigen Gedenkfeier sind wir andächtig über das ganze Gelände des Häftlingslagers gegangen. Vorausgetragen wurde das Totenbuch mit den 40.000 Opfernamen des KZ Dachau und seinen Außenlagern. Begleitet wurde der Zug von den letzten Überlebenden, umgeben von den Fahnen der Herkunftsländer der Häftlinge. Diese Fahnen haben ihre Nachkommen oder Jugendlichen getragen, die die Erinnerung wachhalten wollen.

Die ergreifende letzte Etappe dieser Gedenkfeier wird vor diesem Mahnmal stattfinden, vor dem wir uns verneigen werden.

Der Höhepunkt der Gedenkfeier ist die Kranzniederlegung und das Gedenken an die Toten, die dem Nationalsozialismus entgegenstanden und diesen bekämpft haben. Die ersten Häftlinge, politische Oppositionellen und Juden, hatten etwas Gemeinsames, genauso wie alle Häftlinge der folgenden 12 Jahre. Sie waren Gegner dieser auf Rassismus und Fremdenfeindlichkeit basierten Ideologie. Sie waren Gegner dieses Regimes, das sie in allen besetzten Ländern Europas wegen ihres Kampfes, ihres Glaubens, ihrer Meinung oder Orientierung verfolgt hat.

Die Unterdrückung der politischen Gegner hier in einem der ersten KZ, Modell und Schule der Gewalt für alle andere, macht aus diesem Ort das Symbol des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Heute einen Kranz hier am Mahnmal der Opfer des KZ Dachau und seiner Außenlager niederzulegen hat also eine besondere und universelle Bedeutung, jenseits von Spaltungen und Diskrepanzen über die aktuelle Politik. Einen Kranz niederzulegen heißt, allen Opfern zu gedenken. Einen Kranz niederzulegen heißt auch, das Ideal und das Martyrium zu würdigen von denen, die Widerstand geleistet haben und ihr Leben für den Kampf gegen diese Ideologie geopfert haben. Einen Kranz niederzulegen heißt zuletzt auch, den Schrecken des Nationalsozialismus und seiner Millionen Toten anzuerkennen.

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Diese symbolische Geste, die jeden betrifft, hat eine klare Bedeutung. Dieses Zeichen der Einigkeit beruht auf Respekt und Brüderlichkeit, ist offen für alle, keiner ist ausgeschlossen. Dieser Respekt vor den Opfern einigt die Vertreter von Bund und Land, die Vertreter der religiösen Gemeinschaften, der verschiedenen Staaten, der in der Erinnerungsarbeit engagierten Vereine sowie politische Parteien und Verbände.

Dieses gemeinsame und internationale Gedenken will ein Licht der Hoffnung sein. Die Geschichte kann nicht abgestritten, ignoriert, geändert oder verharmlost werden. Sie hinterfragt uns, wir müssen uns an sie erinnern und sie respektieren. Einige lehnen diese Selbstverständlichkeit und dieses Vorgehen ab. Sie spüren jedoch sicherlich ihre eigenen ideologischen Widersprüche.

 

 

Jean-Michel Thomas

Präsident des CID