Ernst Sillem

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Seine Geschichte erzählt von Sydney Weith, Studentin

KZ-Gedenkstätte Dachau,

27. April 2018

 

 

 

 

 

SydneyWeithImg6166Guten Tag allerseits,

mein Name ist Sydney Weith. Ich bin jetzt 21 Jahre alt und im Schuljahr 2013/2014 habe ich zusammen mit Tess Meerding eine Biografie über Ernst Sillem geschrieben. Lassen Sie mich zu Beginn sagen, dass es mich wahnsinnig freut und ich sehr stolz bin, dass Ernst Sillem heute auch anwesend ist. Es ist etwas ganz Besonderes, nach vier Jahren wieder gemeinsam am selben Ort zu sein. Ernst und natürlich auch seiner Schwester Agnes und seiner Nichte Bibi: Herzlich willkommen und einen riesengroßen Dank für Eure Anwesenheit. Heute möchte ich Ihnen gerne etwas über das beeindruckende Leben von Ernst erzählen und natürlich über die vergangenen fünf Jahre, in denen wir einander kennengelernt und viel miteinander erlebt haben.

 

 

Ernst Met zus Agnes omstreeks 1940ZRKLErnst und seine Schwester Agnes um 1940

 

Als ich mit Namen statt Nummern angefangen habe, war ich 16, fast 17 Jahre alt. Ich ging auf das Baarnsch Lyceum, ich spielte Hockey im örtlichen Hockeyverein und unternahm gerne schöne Dinge mit Freunden. Als Ernst 17 Jahre alt war, ging er auch auf das Baarnsch Lyceum. Er spielte Hockey im örtlichen Hockeyverein und er unternahm gerne schöne Dinge mit Freunden. Es gab aber einen großen Unterschied: Es war nicht 2013, sondern 1941. Krieg. Die Deutschen waren in den Niederlanden einmarschiert und Ernst begriff nicht, dass ein befreundetes Land so etwas tun konnte. Daher wollte er aktiv werden. Gesagt, getan, denn am Abend des 23. Januar 1941 kletterte er heimlich aus dem Fenster seines Zimmers. Mit einem Paar Handschuhe, einem leeren Marmeladenglas und einem Pinsel lief er zum Baarnsch Lyceum. An der Schule angekommen, wartete er, bis ein Zug vorbeifuhr, um dann eine Scheibe einzuschlagen. Er nahm in den Fluren alle Kunstreproduktionen von den Wänden, füllte das Marmeladenglas mit Tinte und begann zu schreiben. „Anti-Deutsche Parolen“, erzählte Ernst uns nicht ganz ohne Stolz. „Überall. Unten und oben. Auch auf etwas unterschiedliche Arten, sodass es schien, als hätten es verschiedene Leute getan. Und auch so, dass es von draußen zu sehen war.“

 

 

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Hier sehen Sie eine der Parolen, die er auf die Wände getüncht hat. 

Natürlich sah jeder, der am nächsten Morgen in die Schule kam sofort alle Parolen. Es kam zu groß angelegten polizeilichen Ermittlungen, bei der die Schüler unter anderem einen Schreibtest machen mussten. Das führte jedoch zu keinerlei Ergebnis, denn man ist nie dahintergekommen, dass Ernst Sillem der Täter war. Außerdem hatte er mit dieser Aktion der Schule zu einer Woche Ferien verholfen. Wie er es selbst beschreibt: Es waren seine „Glanzjahre“.

Nach dieser erfolgreichen Aktion war Ernst jedoch noch nicht zufrieden. Er wollte mehr für sein Land tun, genau wie sein guter Freund Jaap van Mesdag. Sie wollten nach England gehen, damit sie dort in die Armee eintreten und wirklich gegen die Deutschen kämpfen konnten. Am Abend des 31. August 1942 setzten sie ihre Worte in die Tat um. Sie setzten sich in ein Kanu und machten sich auf den Weg nach England. Es schien alles zügig zu gehen. Bis das Wetter umschlug. Das Kanu begann zu sinken und als letzte Rettung blies Jaap das SOS-Signal auf seiner Trompete. Zum Glück hat ein Boot das Signal gehört. Leider war es ein deutsches Boot. So begann Ernsts Reise durch vier Konzentrationslager.

Vom Boot wurden Ernst und Jaap beim Haagseveer, einem Gefängnis in Rotterdam, abgeliefert. Nach zwei Wochen wurden sie ins Lager Amersfoort verlegt. Amersfoort war ein polizeiliches Durchgangslager, von wo die meisten Häftlinge weiter in die Konzentrationslager nach Deutschland gebracht wurden. Jedoch waren die Bedingungen hier nicht besser als in einem Konzentrationslager. „Amersfoort war ein Dreckslager“, erzählte Ernst. „Man musste verdammt hart arbeiten, es war Dreckswetter und man bekam nichts zu essen.“ Um überleben zu können, dachte sich Ernst regelmäßig Möglichkeiten aus, sich selbst warm zu halten und an Essen zu kommen. Bei der Ausrodung zum Beispiel, wobei er den Boden an einem Wald umgraben musste. An dieser Stelle konnte er, wenn die Wachen kurz nicht aufpassten, Bucheckern aufsammeln, die er später auf der Toilette saubergemacht und aufgegessen hat. Außerdem log er, um nicht so zu frieren, dass er Schneider ist, wodurch er zum Strohsack-Kommando verlegt wurde. So konnte er eine Zeit lang drinnen arbeiten.

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Im Januar 1943 wurden Ernst und Jaap in einen Zug gesetzt. Letztendlich hielten sie im Bahnhof ’s-Hertogenbosch. Hier sah Ernst die Gelegenheit, seinen Eltern mitzuteilen, wohin er fuhr. Er ließ einen kleinen Zettel neben den Bahnsteig fallen und eine Frau, die den Zettel sah, schickte ihn an seine Eltern. Hier sehen Sie diesen Zettel. Da steht: „Lassen Sie bitte Herrn und Frau Sillem, Koninginneweg 2 in Bussum wissen, dass Ernst und Jaap nach Sydney Weith Seite 3 Vugth umgezogen sind. Gerne ein Paket schicken!“ Er ist tatsächlich bei seinen Eltern angekommen.

Mit seiner positiven Einstellung erzählte Ernst über Vught, „dass er dort Spaß“ gehabt hat. Sie waren die ersten, die dort ankamen. Sie konnten also die besten Jobs bekommen. Außerdem durften die Häftlinge Pakete von Zuhause empfangen, und auch wenn die Deutschen vieles herausgenommen haben, es war doch gerade das bisschen mehr Essen, dass ihnen half.

Ganz anders im Lager Natzweiler, wo er im Juni 1943 landete. Hier durfte er keine Pakete mehr bekommen und keine Briefe mehr schreiben. Als „Nachtund- Nebel“-Häftling musste er im Nichts verschwinden. In Natzweiler bekam es Ernst mit womöglich noch extremerer Gewalt zu tun, als er es in früheren Lagern erlebt hatte. Ein junger Mann wurde zum Beispiel vom Lagerkommandanten Josef Kramer aufgehängt, während alle Häftlinge zusehen mussten. In dem Moment, als sich der Junge nicht mehr bewegte, schrie Kramer auf Deutsch zu Ernst und den anderen Häftlingen: „Jetzt seht ihr, was passiert, wenn ihr euch versucht zu widersetzen. Und wenn ihr euch alle 2000 widersetzt, dann hänge ich alle 2000 auf. Das ist mir Wurst!“ Das hinterließ einen starken Eindruck bei Ernst, aber trotz des Elends verstand er es zu überleben.

Letztendlich wurde Ernst dorthin gebracht, wo wir heute sind, Dachau. Hier bekam Ernst Typhus. Er war furchtbar krank und hatte Halluzinationen. Trotzdem erholte er sich, und kurz danach wurde das Lager von amerikanischen Soldaten befreit.

jaap van mesdag ernst sillemJaap van Mesdag und Ernst Sillem in1945

Sie erwarten vielleicht, dass jemand verbittert ist, nachdem er so viel mitgemacht hat. Aber trotz alledem hat Ernst sein Leben immer genossen. Nachdem er 28 Jahre in Marokko gelebt hat, wo er eine Zitrusplantage hatte, fand Ernst letztendlich in Frankreich sein Zuhause. Momentan wohnt er zusammen mit seinen beiden Hunden Tara und Cast in einem schönen Haus in Südfrankreich. Auf den Krieg zurückblickend sieht er seine Zeit in den verschiedenen Lagern als eine Lehre. Seiner Meinung nach ist der wichtigste Grund dafür, dass er überlebt hat, die Tatsache, dass er immer die Hoffnung behalten hat.

Das ist auch eine wichtige Lebensweisheit, die Ernst mir mitgegeben hat. Als wir uns 2013 zum ersten Mal begegnet sind, wusste ich nicht so richtig, was ich erwarten sollte. Wie würde es jemandem gehen, der so viel erlebt hat? Und wie würde es sein, mit jemandem zu sprechen, der den Krieg so bewusst erfahren hat? Dinge über die ich mir überhaupt keine Sorgen machen musste, wie sich schnell herausstellte. Ernst machte gleich einen Witz und in den folgenden fünf Jahren folgten noch oft weitere treffende Bemerkungen.

Nach dem Schreiben der Biografie und einem Vortrag in dem nach seinem (Ur-?) Großvater benannten Ernst Sillem Hoeve 2014 haben Ernst und ich uns weiterhin Briefe geschrieben. Wegen der Entfernung zwischen den Niederlanden und Frankreich können wir uns leider nicht so einfach besuchen. Durch das Briefeschreiben blieben wir aber trotzdem auf dem Laufenden über das Leben des anderen. Ich schreibe ihm über die Länder, in die ich gereist bin, über mein Studium und über das schlechte Wetter in den Niederlanden. Ernst schreibt mir über die Länder, in die er damals gereist ist, darüber wie es ihm geht und über das schöne Wetter in Südfrankreich. Die Briefe zaubern immer ein Lächeln auf mein Gesicht und werden immer beendet mit den Worten „Dein Ernst“.

bezoekSydneyAanErnstIMG 6181Ein paar Mal hatten wir das Glück, uns nach 2014 noch sehen und schöne Momente gemeinsam erleben können. Vor drei Jahren war so ein Moment, als dieselbe Ausstellung, die Sie gleich zu sehen bekommen, im Widerstandsmuseum in Amsterdam eröffnet wurde. Sie wurde vom König eröffnet, und Ernst verstand es den König zum Lachen zu bringen. Genauso wie er eigentlich jeden zum Lachen bringt. Ein anderer Höhepunkt war letztes Jahr, als ich ihn zusammen mit meinem Freund in seinem Haus in Südfrankreich besucht habe. Hier habe ich gelernt, dass es wirklich nichts für mich ist, im Winter um 6 Uhr aufzustehen. Aber das war es alles wert, denn Ernst hat mir die wunderschöne Umgebung von Pernes-les-Fontaines gezeigt. Als ich ihn fragte, wie er das denn mache, jeden Tag einen Waldspaziergang in einem Gebiet zu machen, das sehr steil ist, antwortete er: „Ach, wenn ich falle, dann ziehen mich die Hunde wieder hoch. Dazu sind sie groß und stark genug.“ Natürlich Ernst, auch wenn ich nicht glaube, dass Dir das viele nachmachen. Hier sehen Sie einige Fotos von unserem Besuch. Es waren ein paar schöne Tage.

Ich merke hin und wieder, dass in meiner Umgebung diskutiert wird, ob das Gedenken noch immer wichtig ist. Durch Namen statt Nummern weiß ich, dass es darauf nur eine einzige Antwort gibt: Ja. Wir müssen auch weiterhin gedenken. Der Krieg darf niemals vergessen werden. Ich hatte nie erwartet, dass Namen statt Nummern mich solange beschäftigen würde. Ich dachte immer „bald bin ich fertig mit der weiterführenden Schule, ich gehe studieren und andere Dinge tun“. Inzwischen sind fünf Jahre vergangen, und ich stelle fest, dass Namen statt Nummern für mich etwas ist, das nie zu Ende gehen wird. Die Geschichte von Ernst und die Geschichten der vielen anderen ehemaligen Häftlinge trage ich für immer in mir. Mir ist auch Sydney Weith Seite 5 bewusst, dass ich zur letzten Generation gehöre, die mit den Überlebenden sprechen kann. Der Krieg wird sich für die kommenden Generationen immer weiter weg anfühlen. Aber auch wenn meine Kinder und Enkel bald nicht mehr mit Menschen wie Ernst Sillem, Jaap van Mesdag, Willemijn Petroffvan Gurp, Pim Reijntjes und Jan „Skippy“ de Vaal sprechen können, ich werde ihre Geschichte erzählen. Ich werde die Geschichte von Ernst weitererzählen, so wie ich es heute für Sie getan habe. Und wenn ich dann auch nur eine einzige Person ein kleines bisschen inspirieren kann, so wie Ernst Sillem mich noch jeden Tag inspiriert, dann ist meine Mission erfüllt. Ernst, danke, dass Du Deine Geschichte geteilt hast und noch viel mehr: Danke für Deine Freundschaft. Und Ihnen, vielen Dank fürs Zuhören und gleich viel Vergnügen beim Besuch der Ausstellung. Vielen Dank.

 

ernst 3Voor de Diepenheimse watermolen vlnr Gerrit Moeder Annie Agnes Oscar en Ernst Pasen 1937Detdie Sillem Familie im Jahr 1937

Ernst Terug uit Dachau met de broers en zussen vlnr Gerrit Ernst Loukie Agnes OscarDET 1945Die Kinder Sillem in 1945

 

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