Grußwort des Direktors der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Staatssekretär a.D. Karl Freller, MdL, anläßlich des Gedenkens an die Befreiung des KZ Dachau; 2. Mai 2010

Die Bilder, die vor 65 Jahren bei der Befreiung der Konzentrationslager entstanden, haben sich bei uns allen im Gedächtnis festgesetzt. Leichen über Leichen; ausgemergelte Menschen mit hoffnungsleerem Blick, Trostlosigkeit ohne Ende. Unfaßbar.

Was muß in den meist jungen amerikanischen Soldaten vorgegangen sein, als sie in den frühen Abendstunden des 29. April hier in Dachau ankamen und 30.000 KZ-Häftlinge aus tiefster Not und größtem Elend befreiten? Ich danke dafür voller Hochachtung und von Herzen unseren amerikanischen Freunden – und freue mich riesig, daß einige Befreier von damals mit ihren Angehörigen hier sind!

Die Bilanz des Grauens, die man nach 1945 für Dachau und seine vielen Außenlager – darunter Mühldorf und Kaufering - zog und die nie völlig abzuschließen sein wird, war zutiefst erschütternd: Mindestens 41.500 Tote, ermordet in 12 Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft; mindestens 160.000 weitere Opfer, durch Folter, Zwangsarbeit und Demütigung gezeichnet für ein ganzes Leben, hinein bis in die Gegenwart. Nicht vergessen sei das nahe Hebertshausen. Dort wurden vier- bis fünftausend russische Kriegsgefangene erschossen. Die Hölle auf Erden

Schon unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung war Dachau entstanden. Die Mörderschule der SS, das weltweit erste Konzentrationslager. Einem bösartigen Geschwür gleich – mit dem Unterschied, daß perfider menschlicher Wille es wollte – breiteten sich die KZs metastasengleich in ganz Europa aus. Immer größer werdend, zunehmend die ausschließliche Menschenvernichtung als Ziel.

Der Gedanke ist der Beginn der Tat. Zu wenige waren es, im Inland, teilweise leider auch im Ausland, die Hitlers verbrecherischen Absichten rechtzeitig die Stirn boten. Umso mehr gilt diesen Menschen, die Hitler, seinen Schergen und seiner Politik Widerstand leisteten, höchster Respekt. Dabei denke ich stellvertretend an den Handwerksmeister Georg Elser, dessen Attentat am 8. November 1939 auf Hitler scheiterte, und der im KZ Dachau am 9. April 1945 - also ebenfalls vor fast genau 65 Jahren - umgebracht wurde.

‚Nie wieder’ ist wenige Meter von hier in Stein gemeißelt. Eine doppelte Aufforderung : Dachau - ein Ort des Gedenkens, Dachau – ein Ort des Auftrages!

Die fast vergessenen Opfer dem Vergessen entreißen, den Opfern ihre Namen zurückgeben, aus Opferzahlen Einzelschicksale lebendig werden lassen – das ist die Seite des Gedenkens.
Mitwirken, daß es niemals in der Zukunft wieder Opfer gibt,
mitwirken, daß es niemals in der Zukunft wieder Täter gibt,
dies macht die KZ-Gedenkstätte Dachau zum Ort des Auftrages.

Das kann nur gelingen, wenn eine ganze Nation in dieser Frage unbeirrbar zusammenhält:

wenn Eltern schon ihren kleinen Kindern beibringen: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu!“ wenn an den Schulen genügend Zeit für Herzens- und Charakterbildung und einen fundierten Geschichtsunterricht bleibt. Nur wer die Geschichte kennt, kann aus ihr lernen.
wenn Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer nationalen Zugehörigkeit, ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe, ihrer Veranlagung, ihres Alters, ihrer Behinderung nicht nur nicht diskriminiert sondern auch aktiv vor Diskriminierung geschützt werden
wenn Institutionen es nicht dulden, daß in ihren Reihen Funktionsträger die Existenz der Konzentrationslager leugnen. Wenn wir endlich die NPD verbieten: Sie darf kein Teil unserer demokratischen Parteienlandschaft sein. Deutschland ist eine wehrhafte Demokratie. Hier muß sie Zähne zeigen.
Wenn wir es schaffen, ein Klima der Aufklärung und des Zusammenhalts herzustellen, so daß extremistische Parteien und Organisationen von vorneherein keine Chance haben.
Wenn wir es nicht hinnehmen, daß nach Hitler schon wieder ein Staatenführer droht, das israelische Volk auslöschen zu wollen. Erneut gilt: Wehret den Anfängen!

Hochverehrter Herr Bundespräsident, ich bin Ihnen namens der Stiftung für Ihr Kommen, aber vor allem für Ihre klaren Aussagen außerordentlich dankbar. Ihr Vorbild prägt Deutschland, Ihre Anwesenheit setzt Zeichen, ihre Worte finden Gehör. Es tut so gut, einen Menschen mit Ihrer Einstellung an der Spitze Deutschlands zu wissen.

Meinen abschließenden Gedanken möchte ich den Überlebenden widmen. Ihre Anwesenheit, für die wir so dankbar sind, zeigt, von welch außergewöhnlicher Persönlichkeit, tiefer und unglaublich verzeihender Menschlichkeit Sie geprägt sind. Mindestens 1,5 Millionen Kinder, meist jüdische, und Kinder von Sinti und Roma haben die Nazis gezielt und gnadenlos ertränkt, erschlagen, erschossen, vergast. Es gibt kein schlimmeres Verbrechen in der Menschheitsgeschichte als dieses.

Im Außenlager Kaufering haben 1945 sieben Neugeborene und ihre Mütter überlebt. Wer die Umstände von damals kennt, kann es nur als Wunder begreifen. Als der Lagerarzt von einer der Mütter den kleinen Georg haben wollte und ihr drohte, sie ansonsten umbringen zu lassen, sagte die Mutter „Wenn es Zeit zum Sterben ist, gehen wir zusammen. Ich gebe meinen Sohn nicht ab.“ Alle sieben leben noch, sind mit ihren 65 Jahren die jüngsten Überlebenden. Fünf von ihnen trafen sich in dieser Woche erstmals hier in Dachau Nichts würde uns mehr freuen und ehren als gerade Ihr erneutes Wiederkommen.

 
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